Von Vilnius an die kurische Nehrung – erlebnishafte Reise

Eingetragen bei: Allgemein, Baltikum | 2

Der Start einer guten Gemeinschaft ist ja meist ein gutes Essen. So auch bei unserer kleinen Reisegruppe, die sich von Vilnius via kurische Nehrung bis nach Memel/Klaipèda begeben will. Am Beginn sind wir noch verhalten, aber das wird sich in den folgenden Tagen noch gewaltig ändern. Soviel vorweg genommen: es wird öffentlich Vodka und 999 verkostet und am Ende auch noch gesungen. Aber noch waren wir beim Essen. Unser Reiseleiter Rimas war am ersten Abend noch eher still und hat uns erst einmal ins Gespräch kommen lassen, nicht, ohne uns zu erklären, wie wir unsere Suppe richitg essen müssen. Meine erste, nicht aber letzte kalte Rote Beete Suppe.

Die Zusammensetzung kann verteilter nicht sein: zwei Brandenburger (zugereiste – zumindest ein Hamburger Jung war dabei), zwei Schleswiger (zugereiste…. zumindest ein echtes Saarland-Mädel wurde ausgemacht), zwei aus der Eifel (die waren echt: O-Ton: wenn wir wollen, könnt Ihr uns nicht verstehen), zwei Schweizer (die hätten das Spiel auch spielen können) und ich als Hessin. Schön verwürfelt mit Platz für alle Vorurteile der Welt – die haben wir auch ausgerollt und konnten – Gott sei es getrommelt und gepriffen –  auch alle drüber lachen. Ein echtes Glück: kein Nörgler, keine Miesmacher, keine Unkenrufer oder Halb-Glas-Leer-Seher. Sondern neugierige, jung(gebliebene) fitte Menschen, die einfach nur offen und neugierig auf alles, jedes und jeden waren und sind. Und wir haben viel Futter für unsere Neugier bekommen. Ich gebe mein Bestes, noch alles zusammen zu bekommen. Gestartet sind wir mit einer Führung durch Vilnius. Rimas zeigt uns Ecken, die ich in den zwei Tagen vorher (und die Altstadt ist übersichtlich) nicht entdeckt habe. Er erzählt viel von der bewegten und bewegenden Geschicht der Stadt. Ziemlich gebeutelt, Stadt, Land und Menschen. Stolz sind sie, die Litauer, das wird schnell klar, mutig und unabhängig. Jedoch eben auch mit solchem Mut ausgestattet, der aus Angst geboren ist. Mit vielschichtiger, schlimmer Vergangenheit und spannender europäischer Zukunft. Mehrfach besetzt und sich selbst befreit – die Menschenkette durch das gesamte Baltikum ohne Handy, ohne Internet – und doch möglich, und doch passiert. Wer tiefer in die Geschichte einsteigen will, möge hier nachlesen. Wichtig ist vielleicht nur noch zu wissen, dass sie eigentlich die letzten Heiden waren, Natur und Naturgötter angebetet habe und die Kirchen mit den welchselnden Herrschern eben akzptierten. Na dann. (Die jungen Leute, so erklärte uns Rimas, finden gerade zurück zum alten Okkulten – es gibt wieder mehrfach Opfersteine und ähnliches – der Wald lebt also des Nächtens ;-))

Aber zurück zu den Erlebnissen. Nach unserer Stadtführung (und wunderbaren Cepelinis) ging es nach Trakei. Neben der postkartenreife Optik der Burg und entsprechender Einbettung in die Landschaft war spannend zu erfahren, dass hier die erste Abwendung Litauens von der Monarchie stattfand. Denn der König – bzw. der es werden wollte – starb mit über 80 (und das im Mittelalter, er hat wirklich lange durchgehalten) vor seiner Krönung. Ende aus.

Trakei – mit noch mehr Sonne fast schon zu kitschig

 

Es ging weiter zur Unterkunft mittem im Wald. Die Stimmung kühlte leicht ab, denn von außen schien es, man möchte uns in Holzbunkern unterbringen. Am Ende entpuppt sich das Ganze als ein Träumchen von Bio-Resort, mit gehobener Innenausstattung, grandiosem Blick ins Grüne mit verwunschenem See anbei – aber doch auch einigen Mücken. Aber irgendwas ist ja immer 😉

Eigentümliche Tonnen in Tonys Resort
Blick von Innen
Und dann war da noch der See…

 

Weiter geht es am nächsten Tag nach Kaunas. Das Städtchen wird angeguckt und es gab (zumindest für mich) eine anrührende Kirche. In Litauen gibt es keine Kirchensteuer – alle Gemeinden und Kirchen müssen sich eigenfinanzieren. Und das gelingt in sehr unterschiedlicher Weise…

Kunst in Kaunas
Anrührende Liebe für eine Kirche

 

Weiter auf dem Weg nach Jurbarkas besuchen wir ein ethnologisches Künstler-Museum (na, sagen wir eher ein mit viel Herzblut von zwei Künstlern betriebenes Haus, in dem alles mögliche zur Litauischen Sprache und Kultur zusammengetragen wurde und gesammelt wird). Es ist ganz beachtlich, wie sehr doch die Menschen um ihre Identität gekämpft haben – die Sprache war lange Jahre verboten und es gab eine Art litauischer Brüder Grimm, die durch Land zogen und die alten Lieder aufgeschrieben und die Noten transkribiert haben. Nur einige wenige heimlich gedruckte Exemplare dieser Zusammenstellung gab es und eine davon sollte in der litauischen Gemeinde Amerikas gesichert werden – und kam zur Verschiffung auf die Titanic. Ein zähes Volk. Die Dame des Hauses sang uns ein altes litauisches Hochzeitslied mit kehliger, schöner Stimme. Und man versteht, ohne dass man versteht, dass es keine fröhliche Weise war.

Die Unterkunft in Jurbakas (ein wiewohl wunderschön gelegenes, doch trauriges Örtchen – die jungen Menschen gehen weg, da sie keine Zukunft haben, die Frauen zur Arbeit nach Deutschland und so bleiben einsame Männer und die Alten – nicht einfach) war ein nettes Gästehaus mit den winzigsten Bädern der Welt. Aber darum geht es ja nicht. Hätten wir am nächsten Tag nicht wieder Programm gehabt, wäre ich dort geblieben und hätte freiwillig Dienst in der Küche getan, um zu lernen. Denn neben wieder meiner roten Lieblingssuppe (wieder etwas anders und mit einer Art gebuttertem Schmand) gab es einen der besten Schweinebraten meines Lebens. Ich sagte ja schon – die können Küche, die Litauer. Am nächsten Tag standen schon die Fahrräder bereit, um an einer herrlichen Tour der Memel entlang die gestrige Mahlzeit abzustrampeln. Ziel war ein Naturkunde ¨Museeum¨, das sehr liebevoll und technisch ganz modern die einheimische Tierwelt, Fauna und Lebensart darstellte. An der Memel waren viele Flößer, das Leben war nicht einfach und wir durften sogar in einem wankendem Boot Platz nehmen um es nachzuempfinden. Little Hollywood in West-Litauen.

Dann kam es zu einem der Höhepunkt für mich. Man nehme 1 kg Mehl, 1 kg Butter, 1 kg Zucker, 500 ml Sahne, etwas Vanillezucker und die Kleinigkeit von 40 Eiern – und was bekommt man? Den überhaupt leckersten Baumkuchen überhaupt. Am offenen Grill gemacht. Ach.

Baumkuchen am offenen Feuer

(Ja, wir haben auch über das Leben damals und warum der Vorgarten eines Hauses so wichtig fürs Heiraten ist gelernt – aber am Ende hat der Baumkuchen gewonnen.) Mit Baumkuchen kann man übrigens Schnaps schmuggeln – aber davon erzähle ich dann morgen.

2 Antworten

  1. Beate und Jens

    Liebe Claudia,

    deine Beschreibungen machen Lust darauf, einen der nächsten Urlaube in Litauen zu verbringen. Ich freue mich schon auf deine weiteren Beschreibungen. Insbesondere würden wir gern mehr über die netten Reisebekanntschaften lesen.:-)

    Weiterhin noch einen schönen, erholsamen Urlaub.

    Liebe Grüße nun wieder aus der Heimat

    Beate und Jens

Hinterlasse einen Kommentar