Von Schnaps und sonstigem Alkohol

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Bevor ich dazu komme, vom Baumkuchen als Schmuggelbehältnis zu sprechen, ist ein besonderes Erlebnis zu beschreiben. Ich werde versuchen nachzurecherchieren wo wir da waren – oder vielleicht auch nicht? Es geht um die wohl ungewöhnlichste Weinprobe meines Lebens. Der ¨Winzer¨ war sehr stolz darauf, uns Wein zu kredenzen, den sonst kein Mensch der Welt herstellt. Gut, er hatte einige Einschränkungen: in Litauen gibt es keine Reben und es dürfen auch keine Trauben zur Weinherstellung eingeführt werden. Dafür bräuchte es gesonderte Lizenzen, aber vor allem ist der Staat um die Alkoholgewohnheiten seiner Bürger besorgt. Es reicht wohl, dass diese ganzen hochprozentigen Sache aus Getreide oder Kräutern hergestellt werden. Da kann ich den Staat schon verstehen…

Weinprobe
Experimentelle Weinprobe im litauischen Irgendwo

 

Wiewohl: der Wein muss also aus anderen Inhaltsstoffen gefertigt werden. Gelernt hatte das unser Weinmacher übrigens von seinem Vater. Handwerk mit Tradition. Um die Spannung aufzulösen: das erst Glas wurde ausgeschenkt und wir begannen mit der Verkostung. Es roch sprittig. Eher nach Schnaps. Und dann schmeckte es. Irgendwie undifferenziert. Nicht ausmachbar. Das große Ratespiel begann. Und der Sieger war: Löwenzahn. Ja, unser erster Geschmacksherausforderer war Löwenzahn. Es fogte Brennessel (gar nicht mal schlecht, aber eben kein Wein), die 6 Beeren-Mischung (die tatsächlich als erste etwas von den uns bekannten Fruchtweinen hatte) und ¨Rotwein¨ hieß (jaha) und dann folgte, tja, was. Es kam eine Mischung, auf die unser Winzer besonders stolz war. Es war eine von ihm selbst kreierte Köstlichkeit. Sie beinhaltete ¨Rotwein¨, Brennessel und Minze. Das konnte ich leider nicht austrinken. Aber das Erlebnis werde ich sicherlich nie vergessen. Es folgte schwarze Johannisbeere, Aronia (oder Eberesche – hier scheiden sich die Übersetzungsgeister) und triumphierte am Ende mit Rote Beete Wein.

Biggi, die Mutige, kaufte. Vielleicht mag sie aber auch ihre Kinder nicht. Oder die Schwiegerkinder. Für die ist es auf jeden Fall. (Nein, Biggi hat nur in den höchsten Tönen von allen gesprochen – es bot sich einfach nur an 😉 ).

Am nächsten Tage ging es munter weiter. Wir machten einen kurzen Stop in Smanlininkai, weil unsere Schweizer (eigentlich Deutsche, wiewohl in der Schweiz geboren) dort familiäre Wurzeln hatten. Unser unermüdlicher Rimas tat eine Lehrerin auf, die sich um die Geschichte des Ortes bemühte (einfach auf der Straße angesprochen – der Mann macht einfach alles für seine Gäste) und die uns dann zu einer 94jährigen Dame führte, die sich vielleicht noch erinnern könnte. Die ganze Gruppe war aus den unterschiedlichsten Gründen beeindruckt. Die Dame sah noch gar nicht so alt aus, aber ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit waren eindrucksvoll für die ganze Gruppe. Ja, und dann war da der Hof. Mich hat er sehr an das Groß-Särchen meiner Kindheit erinnert. Einfach, aus allem Vorhandenen etwas gemacht und alles wurde genutzt. Für uns aus ¨dem Westen¨ gewiss in einigen Ausprägungen auf den ersten Blick befremdlich, doch eben nur auf den ersten Blick – wenn man sieht, wie auf so einem Hof gelebt wird, ist schnell alles ganz natürlich. Für Uschi aus der Eifel nicht: wie man so überhaupt leben kann, mit so wenig und so rudimentär, war ihr ganz unverständlich. Und für mich war es irgendwie ganz normal. Ich hab eben an meine Oma gedacht.

Kunstartefakte…
Kunst am Fusse der Memel

 

Es ging weiter Richtung Nehrung und Richtung Grenzgebiet. Auf uns wartete ein Boot für eine Flussfahrt ¨zwischen den Welten¨ (links Russland, rechts Europa) bis zur Königin Luise-Brücke, die bis heute als Grenzübergang dient. Wir hatten ja noch diesen Baumkuchen – und wie sich herausstellte hatte die Truppe am Abend nach der Weinprobe noch den örtlichen Supermarkt überfallen und Vodka gekauft. Der musste mit. Mit Moosbeeren. Und der Sicherheitsflasche 999 (27 Kräuter und nur Medizin, klar), falls der Vodka nicht reicht. Endlich weiß ich, warum der Baumkuchen sein Loch hat. Wir hatten eine sehr launige Überfahrt, das muss ich wohl nicht erwähnen.

Moosbeeren
Die Moosbeeren (sauer aber lecker)
Der Vodka
Der Vodka macht Stimmung
Und die Kräutermedizin haben wir auch niedergemacht

 

Weiter ging es zur Vogelwarte – aber das war neben dem schönen Blick übers Haff weniger erwähnenswert. Die Station fängt Vögel (vom Storch bis zur Meise), beringt sie und erhebt so Daten über Populationsbewegungen und Flugrouten der Tiere. Eher lustig war die Truppe Russinnen, die der Vogel-Ranger mit der Beringgung einesTieres erheblich beeindrucken konnte. Was für eine Schreierei und aufgeregte Ladies. Vielleicht ein bisschen zu viel Natur.

Die Vogelstation glänzte mit Wind und tollem Wetter
Aufgeregten Russinen, die eine Vogelberingung kaum glauben wollen

 

Für uns ging es weiter in eine Art Jugendherberge – unserem letzter Stop vor der Nehrung – und einem wunderschönen Abend. Es gab eine köstliche Fischsuppe, Bier und gute Gespräche in prächtiger Hafenlandschaft. Da waren die lustigen Einzelbetten mit Neonbelauchtung gar nicht mehr wichtig.

Fischsuppe schmeckt nur richtig gut, wenn sie am offenen Feuer gemacht wird.

 

Die schönste Anekdote am Rande: Der russiche Gesandte (oder Bürgermeister, ich weiß es nicht mehr so genau), wollte den Bewohnern etwas gutes tun. Der Teil des Hafens ist wie eine Gracht von der einen zu randeren Seite nur übers Wasser erreichbar. Im Winter friert es, so dass man herüberlaufen kann. Aber im Sommer müssen alle (vor allem auch die Schulkinder) mit dem Boot auf die andere Seite gebracht werden. An einem Abend mit viiieeel Vodka wollt nun der Herrscher Gutes für das Volk und sagte¨hier soll die Brücke hin¨ und zeichnete sie auf dem Plan ein. Und so kommt man bis heute über die Brücke auf ein schönes Stück Sumpfland, das eine Insel ist… und gerudert wird noch immer.

2 Antworten

  1. Sicherheitsflasche 999 – haben will!

  2. Zu spät Du bist – Land verlassen… Kann gucken ob ich den in Russland bekomme – in Finnland sicher nicht…

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