Riga – Berlin des Ostens und Jugendstilhochburg

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Darmstadt kann einpacken. Das sage ich nicht gern. Wien übrigens auch. Aber jugendstiltechnisch gibt es hier Häuser… Häuser… Gut, die Mathildenhöhe ist, insbesondere weil so kompakt und einzigartig als Ensemble, wirklich wunderbar und absolut würdig Kulturdenkmal zu werden. Und herausragend in ihrer Schönheit. Aber Riga hat unglaublich viel zu bieten. In der Alberta Iela drängt sich Schmuck an Schmuck, eine Einzigartigkeit, die die eintretende Genickstarre fast nicht bemerken lässt. Der Jugendstil ist etwas bedrohlicher, als der mir bislang bekannt. Die Schönheit in Verbindung mit Natur wird ergänzt durch Medusen, Fratzen und argen Kobolden. Daneben wirkt die Schönheit jedoch auch nicht nur freundlich – einige Satyr-Phönix-Ladies halten in einer Art Wache an ihren Gebäuden, dass sich der Unbefugte sicher nicht einschleichen möchte.

Doch beginnen wir von vorn: Auf dem Weg von Litauen nach Lettland verändert sich die Landschaft kaum. Die Flächen bleiben weit, fettes Grün und dunkle Erde. Dazwischen goldgelbe Strohballen. Und viel, viel Nichts außer Landschaft. Dann kleine Orte, es wird viel gebaut. Straßen werden erneuert und überraschend viele Radwege angelegt. Dann fahren wir über die Grenze, die nur kurz an dem europäischen Signet erkannt werden kann. Wie es wohl bei diesem Anblick den Engländern geht, die neben mir im Bus sitzen?

Dann kommt Riga. Busbahnhof. Der ist so halb schön. Die Leute sind anders. Viel mehr ¨Volk¨. Zwischendrin aber auch schon die ersten die irgendwie nach ¨Design¨ oder ¨Agentur¨ aussehen. Sei es drum – ich gehe in die Touristeninfo, sage meine Haltestelle – ich soll Nummer 2 nehmen, bekomme ich hin. Auffällig ist, dass von 5 Tramfahrern vier weiblich waren – und davon 3 tatsächlich echt hübsch. An der Haltestelle sieht man die Markthallen – auf die freue ich mich schon. Die Bahn spuckt mich fünf Haltestellen weiter aus und nun sind es nur noch einige Schritte bis zur Unterkunft. Ich habe es gut getroffen und mit Iveta und ihrem deutschen Mann supernette Gastgeber. Die Wohnung ist wir auf den Bildern – nicht geschönt, aber schön und prima gelegen. Es ist nur ein kurzer Weg in die Altstadt und nach einem Kaffee und dem Aufladen der Devices mache ich mich auf selbigen.

Gewohnt habe ich übrigens sehr empfehlenswert hier.

Die Innenstadt bremst einen fast sofort ein. Denn der erste Platz, den man sieht, ist gleich eine der Hauptattraktionen: das Schwarzhäupterhaus. Bevor man die dort verortete Touristeninformation betreten kann, ist man also quasi gezwungen, erst einmal Fotos zu machen. Wobei ich ja schon irgendwie ein besonderes Glück habe, denn sie werden gerade eingerüstet und bebildert verhüllt. Die Arbeiten konnte ich gerade noch live erleben. Das Haus war übrigens unverheirateten Männern (genau: deutschen Kaufleuten) vorbehalten, so dass sie einen Ort hatten ihren Geschäften nachzugehen. Und der Name ist tatsächlich einem offensichtlich dunkelhäutigen Vertreter dieser Art Gilde geschuldet – der Herr kam aus Marokko. Gebaut 1344 ist es einmal fast und einmal vollständig Okkupatoren zum Opfer gefallen und nieder gemacht worden. Da die Originalbaupläne aber überlebten, konnte es zum 800sten Geburtstag der Stadt 2001 wieder aufgebaut werden.

Na ja, und so geht es irgendwie weiter, Platz um Platz, Gebäude um Gebäude zwingen zum Foto-Stop, überraschen, erfreuen, verblüffen. Ich bin an den zwei Tagen knapp 30 km gelaufen und habe immer wieder Neues entdeckt. Und dabei war ich nicht IN einem einzigen Museeum, das muss man sich mal vorstellen.

Die Stadt pulsiert. Sie ist im Aufbruch und lässt das den Besucher spüren. Es ist eine Stimmung, wie im Berlin vor 10, 15 Jahren. Junge Leute machen sich auf und bewegen Dinge, bewegen Orte. Alternative Konzepte, wohin man sieht.

Der Ortsteil, in dem ich gewohnt habe, zeigt dies am allerbesten. Neben fast verfallenen Häusern stehen Schmuckstücke. Eingereiht in Häuser, die wieder auf Vordermann gebracht werden. Mit Liebe fürs Detail. Die Ecke hat was vom Prenzlauer Berg als da noch keine Schwaben waren.

Aber es gibt eben auch Ecken, in denne man sich ganz schnell unwohl fühlen kann. Die Hallen am Zentralmarkt liegen direkt neben dem bezaubernden Spikeri-Viertel. Und Innen ist auch noch alles fein. Auch die Stände draußen sind dies im ersten Augenblick noch. Aber geht man zwei Straßen zu weit, ist es schnell vorbei mit der Sicher- und Wohlfühl-Atmosphäre. Hier sieht man schnell Armut und Alkoholismus. Und Blicke die sehr schnell klar machen, dass man da nicht hingehört.

Zu erzählen gibt es noch unglaublich viel: von dem wunderschönen Opernhaus, der schönen Parkanlage mitten im Altstadt-Herz, den Katzen auf den Dächern (aus Stein!), dem aberwitzigen SiFi-Affen-Bären und, und, und. Am Besten ist wohl, man fährt selbst mal hin 🙂 Der Aufenthalt lohnt auf jeden Fall! Und die meisten Letten sind abenteuerlich lieb und entzückend. Eine etwas ältere Dame hat mich bestimmt 5 Minuten überzeugen wollen, dass der Schal mit dem lettischen Muster (den ich nicht gekauft habe) nicht kratz (tat er doch) und eine andere im Supermarkt hat unter Aufbietung fantasiereicher Gestik geschafft, dass ich einen sehr leckeren, wenn auch merkwürdig aussehendne Rindfleischsalat fürs Abendessen gekauft hab.

2 Antworten

  1. Jutta Lehmann

    Hy Claudi,
    Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu erzählen!
    Sorry das ich nicht immer gleich schreibe, aber du weisst ja das Silvia für 3 Wochen krank ist und da bin ich echt platt abends.
    Freue mich aber, dass du so tolle Erlebnisse hast und es dir gut geht. War heute bei Lilly, schöne Grüße von ihr, es geht ihr sehr gut.
    Hat mit mir in der Sonne geschmust!? In den letzten Tagen musste ich mich ein wenig verstärkt um Ann kümmern, Maja hat Schmerzen am Fuss und konnte nicht trainieren, das hat Ann natürlich gefrusstet und Nathaliya ist jetzt nicht unbedingt so der super Motivator. Um den Verkauf den Wohnung kümmere ich mich mit Jo noch nebenbei und so weiter u.s.w…………
    Gelobe Besserung??
    Liebe Grüße Jutta und weiter viel Spass??

    • Hallo meine Liebe,
      Kein Thema – ich freu mich nur auch unterwegs immer mal, was zu hören ☺ Grüße mir alle ganz herzlich und sag Ann ein „Kopf hoch“ von mir.

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